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«Bei Frauen ist das Risiko eines Herzinfarkts erheblich höher, als oft angenommen wird»

Julia Stehli ist eine anerkannte Kardiologin, die jahrelang auch über die Unterschiede zwischen den Geschlechtern bei koronaren Herzkrankheiten geforscht hat. Die Oberärztin am Unispital Zürich spricht über Besonderheiten bei Frauen bezüglich Herzinfarkten – und darüber, wie man sein Herz gut schützen kann.


Fabian Ruch im Gespräch mit Julia Stehli



Julia Stehli, was fällt Ihnen als Erstes ein, wenn Sie an Sport und Herz denken?

Spontan denke ich an das sogenannte Athletenherz, das sich bilden kann, wenn man in der Woche zehn oder mehr Stunden intensiv trainiert. Das Athletenherz ist eine physiologische Anpassung des Herzens an die erhöhte Leistung, die das Herz dabei erbringen muss. Alle vier Herzhöhlen erweitern sich beim Athletenherz, manchmal erheblich.

Interessant ist, dass es bei Frauen viel weniger oft zu einem Athletenherz kommt als bei Männern.


Warum?

Das ist teilweise genetisch bedingt, wahrscheinlich aber vor allem hormonell. Das männliche Sexualhormon Testosteron, das unter anderem für den Muskelwachstum wichtig ist, spielt auch bei der Erweiterung der Herzhöhlen eine Rolle. Im Grunde genommen ist das auch ein Faktor für die tiefere Leistungsfähigkeit von Frauen gegenüber Männern in den meisten Sportarten, vor allem in den Ausdauersportarten. Da die Herzhöhlen weniger erweitert sind als bei Männern, hat das Herz eine geringere Pumpkraft. Das geht so weit, dass es bei Frauen selbst bei einem Training von 30 oder mehr Stunden in der Woche zu keinem Athletenherz kommen muss. Das ist dann natürlich ein Nachteil gegenüber anderen Athletinnen und erst recht gegenüber Männern.


Stimmt es eigentlich, dass der Herzinfarkt die Todesursache Nummer 1 ist?

Ja, und zwar sowohl für Männer als auch für Frauen. Vielen Menschen ist das nicht bewusst. Wobei man präzisieren

muss: Der Herzinfarkt und die Folgen davon, also eine Herzschwäche, weil nach einem Infarkt Teile des Muskels absterben, sind die Todesursache Nummer 1. Und was eben leider auch viele nicht wissen: Bei Frauen ist das Risiko eines Herzinfarkts erheblich höher, als oft angenommen wird.


Können Sie das ausführen?

Bei Frauen dachten viele lange und teilweise bis heute, ein Herzinfarkt sei kein grosses Risiko. Man stellt sich ja den

klassischen Patienten als Mann vor, leicht übergewichtig, um die 55, 60 Jahre, der beim Schneeschaufeln eine Attacke

erleidet. Aber so einfach ist das nicht. Unter anderem, weil die Bevölkerung altert, sind immer mehr Frauen betroffen.

Man kann sagen, dass Frauen ungefähr zehn Jahre später als Männer einem erhöhten Risiko ausgesetzt sind. So lange

das weibliche Hormon Östrogen produziert wird, das an der Steuerung des Zyklus beteiligt ist, sind Frauen ziemlich

gut geschützt, ausser es gibt massive Risikofaktoren wie viele Fälle von Herzinfarkten in frühem Alter in der Familie. Aber ab 55 Jahren gibt es auch bei Frauen einen tieferen Schutz.


Was sind denn die grössten Risikofaktoren für einen Herzinfarkt?

Rauchen, hohe Cholesterinwerte, Übergewicht, Diabetes, hoher Blutdruck. Vieles davon kann man kontrollieren, denn man möchte. Interessant ist, dass es bei Frauen viel stärker gewichtet, wenn sie solchen Risiken ausgesetzt sind, das ist erwiesen. Übergewicht allerdings ist bei Frauen weniger schlimm in Bezug auf ein Herzinfarktrisiko, weil das gefährliche Bauchfett bei Männern deutlich ausgeprägter ist.


Gerade Männer gehen eher selten zum Arzt. Ab wann sollte man einen Gesundheitscheck machen?

Eine Blutdruckmessung empfiehlt sich ab 18 Jahren alle 5 Jahre. Und was wichtig ist: Einen EKG-Check, eine Bestimmung der Cholesterinwerte und einen Test des Blutdrucks sollten Männer ab 40 Jahren regelmässig machen

und Frauen ab 50 Jahren. Eine Ausnahme gilt bei Personen, bei denen es in der Familie schon im frühen Alter zu Herzinfarkten oder plötzlichem Herztod kam.


Kann man erahnen, bei wem es zu einem Herzinfarkt kommen könnte?

Es ist sehr schwierig, einen Herzinfarkt vorauszusehen. Wenn man die Risikofaktoren beachtet, dann weiss man, wer

zumindest ein erhöhtes Risiko hat, irgendwann einmal einen Herzinfarkt zu haben. Aber nicht alle Ablagerungen oder

Verkalkungen in den Herzkranzgefässen führen automatisch zu einem Herzinfarkt. Bei vielen Patienten kommt es glücklicherweise vor dem Herzinfarkt zu Warnzeichen, zum Beispiel zu Thoraxschmerzen. Wenn dann etwas vorgenommen wird, wird über einen Herzkatheter, welcher über die Leiste oder das Handgelenk zum Herz geführt wird, ein Draht in die Herzkranzgefässe eingebracht. Mit einem Ballon wird die enge Stelle gedehnt, schliesslich werden Stents gelegt.


Ist es eine Frage der Kosten und des Aufwands, dass man diese Intervention nicht sowieso präventiv ab einem gewissen Alter bei allen Menschen macht?

Genau. Und das würde sowieso keinen Sinn ergeben, weil jeder Eingriff auch mit Komplikationen verbunden sein

kann. Es wäre fahrlässig, einfach bei jedem Menschen ab 40 oder 50 so eine Operation präventiv vorzunehmen. Man

würde zwar wohl einige Herzinfarkte verhindern, aber das wäre unverhältnismässig.


Was ist denn bei Frauen anders, wenn sie einen Herzinfarkt haben?

Einiges. Angefangen bei den Symptomen, die vielfältiger sind. Es gibt ja den klassischen, flächigen Druck auf der Brust, als würde ein Elefant draufsitzen. Bei Frauen ist das zwar auch häufig so, dieses Symptom kann aber auch komplett fehlen.


Sie haben erwähnt, dass viele Menschen der Meinung sind, das Risiko bei Frauen sei deutlich tiefer als bei Männern. Die Studienlage aber ist klar, Sie als Expertin sagen auch das Gegenteil. Warum verändert sich dieses Denken nicht langsam?

Sehen Sie, ich bin sehr tief in diesem Fach drin bezüglich Genderunterschieden. Schon andere Kardiologen wissen diese Details teilweise nicht alle, weil sie nicht wie ich drei Jahre auf diesem Gebiet geforscht haben. Als Medizinerin weiss ich zum Beispiel über Onkologie auch nicht mehr besonders viel. Darum ist es sehr wichtig, gibt es Stellen wie die Schweizerische Herzstiftung, die sensibilisieren und aufrütteln, damit das möglichst viele Menschen wissen. In anderen Ländern wie den USA, England oder Australien, in denen ich studiert und gearbeitet habe, gibt es regelmässig nationale Kampagnen dazu, was sehr wichtig ist.


Was sind diesbezüglich Ihre Ratschläge?

Es gilt vorab, das Fachpersonal noch besser zu schulen und generell mehr Frauen mit diesem Thema zu erreichen. Denn ab 70 Jahren gibt es keine grossen Unterschiede mehr zwischen den Geschlechtern bezüglich Herzinfarktrisiko. Ein anderes wichtiges Detail ist auch, dass die Rate an Herzinfarkten bei jungen Frauen in den letzten Jahren zugenommen hat. Mit einem gesunden, vernünftigen Lebenswandel ist die Gefahr deutlich geringer, einen Herzinfarkt zu erleiden.


Dennoch rauchen beispielsweise immer noch viele Leute, oft auch Ärzte. Warum eigentlich?

Vielleicht, weil es ein stressiger Job ist. Aber da hat schon ein Umdenken stattgefunden. Leider ist die Tabaklobby in der Schweiz immer noch sehr stark. In Australien, wo ich bis 2019 knapp drei Jahre lebte und arbeitete, kostet ein Päckli Zigaretten umgerechnet um die 30, manchmal 40 Franken. Dort sind die Tabaksteuern so hoch, dass es viele abschreckt, besonders jüngere Menschen, die sich das nicht leisten können. So soll und muss es sein. Denn mit 40 Jahren beginnt kaum jemand noch mit dem Rauchen.


Ab wann verändert sich ein Herz denn negativ, wenn es Risiken ausgesetzt ist?

Man weiss aus Autopsieberichten von Menschen, die jung gestorben sind, dass es bereits ab 20, 25 Jahren zu ersten Ablagerungen in den Herzkranzgefässen kommt. Eine koronare Herzkrankheit ist eigentlich eine chronische Erkrankung. Da jeder Mensch bereits in jungen Jahren gewisse Ablagerungen in den Kranzgefässen hat, ist die entscheidende Frage halt, wie schnell diese grösser werden und wie viel man unternimmt, um das Wachstum zu entschleunigen. Wenn man einen Herzinfarkt erleidet, können wir die Krankheit nicht aufhalten, wir können sie nur bremsen. Die Patienten sind dann selbst verantwortlich, wie es weitergeht, indem sie die Risiken minimieren und ihre Medikamente regelmässig einnehmen.


Eine Raucherin weiss ja, dass es nicht gesund ist, Zigaretten zu konsumieren. Inwiefern lassen sich denn die Gefahren verkleinern, wenn man sich viel bewegt und schlank ist?

Es ist klar: Je mehr Risikofaktoren Sie ausgesetzt sind, desto schlechter ist die Prognose. Viel Bewegung ist immer gut, aber man kann das Rauchen dadurch natürlich nicht kompensieren. Gerade als Raucherin sind regelmässige Herzchecks ab dem vorhin empfohlenen Alter notwendig.


Welche Unterschiede gibt es sonst noch zwischen Männern und Frauen?

Weitere Unterschiede gibt es im Hinblick auf Risikofaktoren für eine koronare Herzkrankheit, im Zusammenhang

mit Schwangerschaften und Geburten. Es ist so, dass es geschlechtsspezifische Risikofaktoren gibt für Frauen,

unter anderem Schwangerschaftsdiabetes oder Bluthochdruck bei Schwangerschaften. Weiter sind Depressionen

und Autoimmunerkrankungen Risikofaktoren, zwar nicht geschlechtsspezifisch, aber dennoch häufiger bei Frauen.


Wie sieht es bezüglich Herzfehlern aus?

Angeborene Herzfehler kommen bei Männern häufiger vor. Damit lässt sich zum Teil auch die höhere Rate an plötzlichem Herztod bei jungen Männern im Vergleich zu Frauen erklären. Auch hier ist es so, dass es sich nicht lohnt, alle Menschen vorsorglich zu untersuchen; der Aufwand würde in keinem Verhältnis stehen zum Nutzen. Viel wichtiger ist es, den Umgang mit einem Defibrillator zu kennen und genau zu wissen, was man zu tun hat, wenn man in die Situation gerät, einem Menschen zu helfen, der gerade einen Herzinfarkt erlitten hat.


Die Geburt selber hat aber keinen Einfluss auf das Herz?

Nein, egal, wie anstrengend sie für die Frau gewesen ist. Es ist aber so, dass es in seltenen Fällen vor, während oder

nach der Geburt zu einem Herzinfarkt kommen kann, und zwar aufgrund eines Einrisses in der Wand der Herzkranzgefässe. Wichtig ist, dass man dieses kleine Risiko im Hinterkopf behält, um richtig handeln zu können, falls etwas passiert.



Julia Stehli hat gerade einen anstrengenden Arbeitstag am Unispital Zürich hinter sich, als sie sich Zeit nimmt für das Gespräch mit SPORTLERIN. Ausführlich, aufmerksam und aufgestellt beantwortet sie die Fragen rund ums Thema Athletenherz und Herzinfarkt – und bricht die Fachausdrücke immer wieder verständlich herunter. Die Oberärztin an der Klinik für Kardiologie studierte und forschte unter anderem in Zürich, aber auch jahrelang im Ausland – in den USA (Virginia), in Australien (Melbourne) und England (Oxford). Die 38-Jährige lebt mit ihrem Mann und

ihrem 1-jährigen Sohn in Zürich. Sie gilt als Kapazität auf ihrem Gebiet und hatte einen Forschungsschwerpunkt

auf den Unterschieden zwischen den Geschlechtern bei koronarer Herzkrankheit.


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Das Blut versorgt unseren Körper mit Sauerstoff und Nährstoffen. Damit es freie Bahn hat, müssen die Blutgefässe gesund sein. Drei Werte geben uns hierfür entscheidende Indizien: Blutdruck, Blutzucker und Blutfette (Cholesterin). Zu hohe Werte führen dazu, dass die Arterien entweder verhärten oder verdicken – und so Ablagerungen an den Gefässwänden entstehen. Dies schädigt sie schleichend die Blutgefässe. Dieser langsame Prozess begünstigt das Entstehen verschiedener Herz-Kreislauf-Krankheiten, welche im ungünstigen Fall irgendwann zu einem Herzinfarkt oder Hirnschlag führen können. Wer seine Werte kennt, kann sie mit einem angepassten Lebensstil gezielter beeinflussen und wenn nötig medizinische Unterstützung finden. Deshalb empfiehlt die Schweizerische Herzstiftung, frühzeitig den Blutdruck sowie Cholesterin- und Blutzuckerwerte zu bestimmen.


Beim HerzCheck® in einer zertifizierten Apotheke können Sie innert 30 bis 40 Minuten Ihre Werte kennen lernen. Mit einer Befragung und einer kleinen Blutentnahme aus dem Finger lässt sich das individuelle kardiovaskuläre Risikoprofil bestimmen. Die Dienstleistung bietet Folgendes:

Kurze Befragung zu Beginn

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  • Blutzuckerwerte

  • Besprechen der Testergebnisse

  • Gesundheitstipps, um das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu verringern

Mehr Infos auf swissheart.ch


Teil 2 des Interviews in Ausgabe No. 9: Über bekannte und unbekannte Risikofaktoren bei einem Herzinfarkt – und darüber, wie man sich bei Erste-Hilfe-Massnahmen richtig verhält


Fabian Ruch treibt sehr viel Sport und fühlt sich fit. Allerdings setzt er sich einem Risikofaktor für einen Herzinfarkt aus – und hat nach dem interessanten Gespräch mit Julia Stehli jetzt ein noch schlechteres Gewissen.

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