Grosse Dankbarkeit und etwas Wehmut

Lea Sprunger gelang Historisches. Im Olympiastadion von Berlin kürte sie sich 2018 über 400 Meter Hürden zur ersten Schweizer Europameisterin in der Leichtathletik. Der Weg zu diesem Erfolg, der im Dorf Gingins begann, war lang, steinig und voller Wendepunkte. Mit ihrem Rücktritt verliert die Schweiz eine kompromisslose und grossartige Athletin mit Kämpferherz. Eine Leaderin, die sich um ihre Teamkolleginnen und -kollegen sorgte. Und nicht zuletzt ein grosses Vorbild für kommende Generationen.


Stefanie Barmet über Lea Sprunger


Es waren emotionale Momente, welche Lea Sprunger in Tokio anlässlich ihres letzten internationalen Grossanlasses erlebte. Zwei Monate vor den Olympischen Spielen hatte die 400-Meter-Hürden-Läuferin aufgrund einer Verletzung nicht einmal sprinten können. Doch die 31-Jährige bewies Durchhaltewillen und kämpfte sich Schritt für Schritt zurück in Wettkampfform. Nach einem überzeugenden Auftritt im Vorlauf schien die Finalqualifikation in der japanischen Hauptstadt greifbar. Anstelle eines Happy Ends folgten passend zum kurz vor dem Halbfinallauf eingesetzten Regen jedoch bittere Tränen der Enttäuschung.


Dennoch gelang es der Teamleaderin wie schon so oft in ihrer Karriere, wieder aufzustehen und sich optimal auf die 4x400-Meter-Staffel zu fokussieren. Sie trug einen wesentlichen Teil zur klaren Verbesserung des Schweizer Rekordes bei und verliess die Olympische Bühne im Sommer mit einem Strahlen im Gesicht. «Ich konnte das Rennen mit den jüngeren Teamkolleginnen richtig geniessen und nehme all die positiven Emotionen mit», sagt sie.


Der Spass stand zu Beginn im Vordergrund

In der Freizeit waren die Sprungers, die im Dorf Gingins neben einem Wald aufgewachsen sind, vorwiegend draussen unterwegs. «Wir haben Hütten gebaut, Fussball oder Tennis gespielt, sind gesprungen, gehüpft und haben Steine geworfen. Spielerisch habe ich damit unbewusst eine gute Grundlage für die Leichtathletik gelegt», sagt die 31-Jährige.


Im Leichtathletikverein der COVA Nyon, in dem auch ihre vier Jahre ältere Schwester Ellen Mitglied war, erlernte sie im Alter von zehn Jahren die Grundlagen der Leichtathletik. «Wir hatten eine coole Gruppe, das Training war spielerisch aufgebaut. Erfolgreich war ich zu Beginn überhaupt nicht, der Spass stand stets im Vordergrund.» Mit vieI Freude nahm Lea am «erdgas athletic cup», dem Vorläufer des «UBS Kids Cup», teil. «Zu Beginn war die Teilnahme am Kantonalfinal ein Erfolg, mit der Zeit wollte ich dann auch am Schweizer Final sowie an Nachwuchs-Schweizer-Meisterschaften vorne mitmischen. Erst mit etwa 16 Jahren habe ich begonnen, mir mein sportliches Umfeld bewusster aufzubauen, und bin aufs Sportgymnasium gegangen.» 2007 erfolgten die ersten Starts im Schweizer Dress. «Da wurde mir erstmals richtig bewusst, dass ich Potenzial habe und im Sport etwas erreichen kann.»


Die erfolgreiche Zusammenarbeit mit Laurent Meuwly

2007 begann auch die Zusammenarbeit mit Laurent Meuwly – dem grössten Förderer von Lea Sprunger. Er war es, der sie ermutigte, vom Siebenkampf, wo sie eine Bronzemedaille an den Junioren-Europameisterschaften gewonnen hatte, zu den 200 Metern und später zu den 400 Metern Hürden zu wechseln. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen schien im Siebenkampf ausser Reichweite, 2012 folgte der Wechsel. «Bereits da war klar, dass die 200-Meter-Distanz nur eine Zwischenstation auf dem Weg zu den Langhürden sein würde. Aufgrund meiner langen Beine, meines Laufstils und meiner Schnelligkeit war ich prädestiniert für die 400 Meter Hürden. Doch so kurz vor den Olympischen Spielen in London und den Heim-Europameisterschaften in Zürich wäre ein solcher Wechsel zu kurzfristig gewesen. Auch mental war ich noch nicht bereit dazu», sagt Lea Sprunger. «Rückblickend haben wir mit diesen Wechseln viel riskiert – und wir hatten damit Erfolg», sagt Laurent Meuwly.


Die 400 Meter Hürden sind eine schwierige Disziplin, die neben vielen technischen Aspekten und Schnelligkeit auch eine hohe Laktattoleranz erfordern. Meuwly führte Lea Sprunger Schritt für Schritt an die neue Disziplin heran. «Es gab viele schwierige Momente. Doch schnell habe ich gemerkt, dass ich trotz meiner schlechten Technik gute Zeiten laufen kann. Dank Laurent bin ich ruhig geblieben, habe akribisch weiter an mir gearbeitet und an mich und meine Fähigkeiten geglaubt.»



Europameisterin: Lea Sprunger 2018 in Berlin (Keystone)


Die erste Schweizer Leichtathletik-Europameisterin

Die Erfolge sprechen für sich. 2015, in der ersten Saison als Hürdenläuferin, erreichte Sprunger bereits den WM-Halbfinal. 2016 gewann sie EM-Bronze, ein Jahr später lief sie an den Weltmeisterschaften auf Rang fünf. 2018 kürte sie sich dann in Berlin zur ersten Schweizer Europameisterin in der Leichtathletik. 2019 folgten Hallen-EM-Gold über 400 Meter sowie ein vierter Rang an den Weltmeisterschaften über die Langhürden. «Der EM-Titel in Berlin war der schönste Moment meiner langen Karriere. Ich war die Favoritin und wurde dieser Rolle vollauf gerecht. Die ganze Atmosphäre im Stadion mit zahlreichen Schweizer Fans und meiner Familie war einzigartig.» Zum beachtlichen Palmares hinzu kamen Schweizer Rekorde über 400 Meter sowie über 400 Meter Hürden.


Dazwischen lagen aber auch schwierige Momente. 2016 scheiterte sie an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro bereits im Vorlauf, 2017 brach sie an der Hallen-EM in Belgrad in Führung liegend auf den letzten 50 Metern ein und blieb ohne Medaille. Ein Jahr später wurde sie an den Hallen-Weltmeisterschaften wegen Übertretens einer Linie disqualifiziert. «Das Rennen in Belgrad war für mich persönlich eines der schwierigsten Erlebnisse meiner Karriere. Ich brauchte viel Zeit, um zu verstehen, was passiert war. Rückblickend hat mir diese Erfahrung geholfen, um in Berlin besser mit der Rolle der Favoritin umzugehen.» In solch schwierigen Momenten war für den Familienmenschen Sprunger das Elternhaus immer wieder ein Kraft- und Rückzugsort. «Meine Familie ist immer für mich da und half mir stets, sportlichen Erfolg oder Misserfolg zu relativieren.»


Erst der Schock, dann der Wechsel nach Holland

Sechs Monate nach dem Goldlauf von Berlin folgte der grosse Schock. Ihr Coach bekam ein Angebot vom holländischen Leichtathletikverband, das mit einem Umzug nach Holland verbunden war. «Wir hatten Erfolg, ein System, das gut funktionierte, und bis Tokio waren es nur noch zwei Jahre. Ich hatte mir mein Umfeld in der Schweiz aufgebaut, gemeinsam mit meinem heutigen Ehemann ein Haus gekauft. Der Zeitpunkt hätte nicht schlechter sein können.» Dennoch entschied sie sich, Laurent Meuwly nach Holland zu folgen – rückblickend ein guter Entschluss. «Ich habe tolle Menschen kennengelernt und bin zu einer besseren und vor allem professionelleren Athletin gereift», erklärt sie. «Ich bin eine Leaderin, die gerne zu anderen schaut – sei es zu den Familienmitgliedern, den Freunden oder auch zu Trainingskolleginnen.»


Laurent Meuwly beschreibt seine Athletin als sehr ruhig und zielstrebig: «Körperlich hat sie dank ihrer Grösse von 1,83 Metern, den langen Beinen und der vorhandenen Kraft sehr gute Voraussetzungen. Dennoch ist sie weder ein Bewegungstalent, noch hat sie besonders schnelle Muskelfasern. Dies kompensiert sie mit harter Arbeit an allen Details rund ums Training, der Ernährung, der Erholung und im mentalen Bereich.» Genau jene Aspekte sind es, welche Lea in der Trainingsgruppe in Holland zu einem Vorbild für die jüngeren Athletinnen machen. «Dass sich Lea auch nach den Misserfolgen in den Jahren 2016 und 2017 immer wieder erholt und fokussiert hat, ist beeindruckend. Der Gewinn des EM-Titels in Berlin war auch für mich der emotionalste und schönste Moment unserer gemeinsamen Reise.» Ab Oktober nimmt Meuwly den Saisonaufbau erstmals ohne Lea in Angriff. «Sie wird uns allen sehr fehlen.»


Leas vier Jahre ältere Schwester Ellen – selbst eine der erfolgreichsten Schweizer Siebenkämpferinnen – bewundert die Kompromisslosigkeit und Professionalität ihrer Schwester. «Gleichzeitig ist sie eine extrem grosszügige und hilfsbereite Person, die für jedes Problem eine Lösung findet.» Nach dem frühen Ausscheiden an den Olympischen Spielen in Rio 2016 habe sich Lea noch einmal extrem entwickelt. «Sie hat die Erfolge mehr zu schätzen und den Sport mit allem Drumherum mehr zu geniessen gelernt.» Besonders stolz sei sie darauf, wie ihre Schwester die schwierigen Monate vor den Olympischen Spielen in Tokio gemeistert habe. «Lea war zuvor nie verletzt gewesen. Gleichzeitig hatte sie mit Femke Bol eine Trainingspartnerin, die ihr davonlief – keine einfache Kombination. Doch Lea schaffte es, ihre hohen Ziele Schritt für Schritt anzupassen, trotz Schmerzen durchzubeissen, Femke die Erfolge zu gönnen und weiterhin an sich zu glauben. Sie ist über die Jahre als Mensch enorm gewachsen.»


Grosse Zukunftspläne

Lea Sprunger freut sich, nach dem Karriereende in diesem Herbst endlich mehr Zeit für ihr engstes Umfeld zu haben. «Ich möchte verreisen, wandern, spontan einen Wochenendausflug machen, Sportarten wie Wakeboarden ausprobieren, auch gärtnern, töpfern und Zeit für das eigene Haus haben. Und ich will mit meinem Mann eine Familie gründen», sagt sie – und strahlt über das ganze Gesicht. Sie sei extrem glücklich, dass ihre Familie und ihr Ehemann sie auf ihrem Weg immer unterstützt hätten. Nach der Karriere wird sie einen Teilzeitjob beim Meeting «Athletissima» annehmen und der Leichtathletik treu bleiben. «Wer weiss, ob ich mal als Staffeltrainerin auf die Rundbahn zurückkehre», meint sie. In absehbarer Zeit möchte sie den Bachelor in Marketing und Kommunikation absolvieren. «Mit dem Karriereende werden auch die Sponsoringverträge enden, was wirtschaftlich eine grosse Umstellung mit sich bringt. Ich habe zwar ein finanzielles Polster, ausgesorgt habe ich mit meiner Karriere jedoch nicht.» Jahrelang sei sie eine Marke gewesen, habe von Sponsoringgeldern gelebt und ihre Finanzen selbständig geregelt. «Dadurch bin ich auch in diesem Bereich gewachsen.»


Acht Jahre Vollprofi dank finanzieller Sicherheit

Ab 2014 war Lea Vollprofi und konnte sich auf den Sport konzentrieren. «Geld war für mich nie ein Beweggrund, Leichtathletik auszuüben. Gleichzeitig bin ich dankbar, dass ich als Vollprofi leben und trainieren durfte. Ich habe diese Zeit sehr genossen.» Finanzielle Sicherheit gab die Zusammenarbeit mit langjährigen Partnern, die auch während der Pandemie nicht von Lea Sprungers Seite wichen. Partner, die sich auch in der Leichtathletik engagieren und grosses Wissen im Finanzbereich mitbringen. «Mir war stets bewusst, dass ich den Sport nicht ewig auf so einem hohen Niveau betreiben würde. Umso wichtiger war es mir, für die Zukunft vorzusorgen.» Dabei halfen ihr Diskussionen mit dem engsten Umfeld. «Mein Mann ist in der Finanzbranche tätig und beriet mich ebenfalls bei der Planung meiner finanziellen Angelegenheiten. Ich konnte vorsorgen und mit dem Ersparten gemeinsam mit meinem Mann ein Haus kaufen. Ich bin überzeugt, dass mir der Umstieg ins Leben nach dem Sport dank den Ersparnissen leichterfallen wird.»


Selbstbestimmung über das Karriereende als grosses Geschenk

Ganz ohne Wehmut beendet Lea Sprunger ihre Karriere nicht. «Ich werde das Adrenalin bei Trainings und Wettkämpfen vermissen. Ich habe immer extrem gerne trainiert und die Trainingslager mit meinen Trainingskolleginnen in vollen Zügen genossen. Durch den Sport bin ich viel selbstbewusster geworden und weiss heute sehr genau, was ich will. Ich bin meinen Eltern enorm dankbar, dass sie mich von Anfang an unterstützt haben.» Der Gedanke, plötzlich so viel Zeit zu haben, mache ihr etwas Angst. «Gleichzeitig freue ich mich extrem, schon bald spontan entscheiden zu können, was ich am nächsten Tag unternehme. Dann mit dem Sport aufzuhören, wenn es für mich passt, ist ein grosses Geschenk.»


Stefanie Barmet nahm als Mittelstreckenläuferin einst gemeinsam mit Lea Sprunger an Junioren-Grossanlässen sowie an Team-Europameisterschaften teil. Über Hürden ist die Gymnasiallehrerin im Fach Deutsch hingegen nie freiwillig gelaufen.


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