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Die stille Weltmeisterin - Alena Marx

vor 6 Tagen
5 Min. Lesezeit
Eva Hürlimann
Alena Marx

Alena Marx ist eine der besten Kanutinnen der Welt und amtierende Weltmeisterin in der neuen Disziplin Kajak-Cross. Bei den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles will die 25-Jährige Gold holen. Das Leben als Profi in einer Randsportart ist nicht immer leicht – Marx kämpft nicht nur um Erfolge und Medaillen, sondern auch um Sichtbarkeit und Finanzierung. Nadine Gerber über Alena Marx


Sie ist Weltmeisterin und mehrfache Europameisterin – und trotzdem kennt sie kaum jemand ausserhalb des Kanusports. Die 25-jährige Stadtbernerin spricht klar und selbstbewusst. Das war nicht immer so. «Früher war ich sehr schüchtern. Es war immer gut, wenn mein grosser Bruder Dimitri dabei war und mit den Leuten redete.»


Dimitri Marx, 27, ist ebenfalls Kanuprofi. Die Geschwister stammen aus einer sportbegeisterten Familie. Die Eltern, beide Lehrer, waren Raft-Guides. «Wir waren ständig auf irgendwelchen Flüssen oder im Meer im Kajak unterwegs», erinnert sich Alena Marx. Irgendwann habe Dimitri angefangen, im Kanu Klub Bern zu trainieren. Da wurde auch sie ins Slalomtraining geschickt. «Um mehr Sicherheit zu bekommen im Wildwasser», sagt sie lachend. So sind beide Geschwister in den Leistungssport gerutscht. «Im Klub war es für mich als schüchternes, unsicheres Mädchen anfangs schwierig.» Zwei Kolleginnen hätten dann ebenfalls angefangen zu paddeln. «So konnte ich mich öffnen und meinen Platz in der Gruppe finden.» Dadurch habe sie Selbstvertrauen getankt.


Grosse Fortschritte in Frankreich

Dennoch: Dass sie ihre Sportkarriere einst mit dem WM-Titel krönen würde, ahnte Alena Marx lange nicht. «Ich hatte kein Talent», resümiert sie und lacht erneut. Zudem liebte sie auch ihre anderen Hobbys: Volleyball und Voltigieren. «Als ich etwa sechzehn oder siebzehn war, durfte ich mit zu einer Junioren-WM.» Sie schmunzelt: «Da kommt man rasch mal ins Team, es gibt nicht so viele Kanutinnen im Nachwuchs. Da habe ich gemerkt, das gefällt mir, das möchte ich machen, ich möchte mehr erreichen.» Die erste WM bei den Jungen habe sie auf Rang 43 beendet. «Ich war wirklich gar nicht gut, das Erlebnis selbst hat mir aber so viel gegeben.»


Erst 2020 – nach dem Abschluss des Gymnasiums – wagte es Alena Marx, alles auf die Karte Kanusport zu setzen. «Ich zog einige Monate nach Frankreich, um auf noch professionellerem Niveau zu trainieren. Dort konnte ich einen riesigen Schritt vorwärts machen und spürte erstmals: Es ist möglich, richtig gut zu werden.» Im ersten Weltranglistenrennen nach Frankreich sei sie zur Überraschung aller sogleich Dritte geworden. «Ich habe mir nie zugetraut, die Beste zu sein. Es hat lange gebraucht, bis ich dieses Selbstvertrauen hatte.»


2021 durfte sie in Tokio bei den Olympischen Spielen antreten – nachdem eine andere Athletin ihre Anmeldung zurückgezogen hatte. 2024 wurde sie in Ljubljana Europameisterin im Cross. Bei den Spielen in Paris im gleichen Jahr wurde sie Sechste im Cross, im Slalom zog sie ins Finale ein und gewann so zwei Olympische Diplome. Eine Medaille verpasste sie. 2025 holte sie an der WM in Sydney schliesslich den Cross-Titel und die Goldmedaille.


Spagat zwischen Spitzensport und Studium

Heute blickt Alena Marx mit klaren Zielen nach LA: «Optimalerweise will ich Olympia-Gold holen. In irgendeinem Boot. Da würde ein Traum in Erfüllung gehen. Ein weiterer Traum.» Es brauche noch heute Überwindung, diese Träume offen auszusprechen. «Ich denke, ich sollte zufrieden sein mit dem, was ich habe, nicht zu gross denken und dann enttäuscht werden. Ich muss mich daran gewöhnen, dass es okay ist, gross zu denken.»


Bodenständigkeit haben ihr ihre Eltern mit auf den Weg gegeben. Sie hätten ihr immer wieder gesagt, die Erfolge im Kajak machten sie nicht aus. «Sie sagten, egal, ob ich gewinne oder verliere, sie haben mich gleich gern, ich bin als Person nicht weniger wert.» Sie könne auch ohne den Sport ein tolles Leben haben. Doch die Eltern vermittelten auch Kampfgeist und Durchbeissen. «Wir waren stets bei schlechtem Wetter draussen, im Meer, auf dem Fluss. Auch wenn es nass und kalt war. Das hat dazugehört.»


Und die Familie legte Wert auf eine solide Ausbildung. Deshalb studiert Alena Marx zusätzlich zum Leistungssport Sportwissenschaften an der Universität Basel. Wie ihr Bruder Dimitri, ihr Freund Gelindo Chiarello und ihre beste Freundin Svenja Matti, allesamt Kanuprofis, lebt die junge Weltmeisterin inzwischen in der Rheinstadt. Gleich ennet der Grenze, in Frankreich, steht ein Trainingskanal für die Kanugemeinschaft. «Es ist nicht optimal», sagt Alena Marx, «doch es ist die beste Option, die wir hier in der Schweiz haben, um auf Weltcupniveau zu trainieren.»


Spitzensport und Studium sind nicht immer einfach unter einen Hut zu bringen. «Ich bin eine chaotische Person, ich bekomme oft ein Durcheinander mit den Terminen – vor allem, wenn ich Wettkämpfe oder Prüfungen habe.» Zudem sei es schade, weil sie sich nicht ganz auf die Uni einlassen könne. «Ich bin immer irgendwie nur halb dabei. Trotzdem ist es ein sehr guter Ausgleich zum Sport und eine Investition in die Zukunft.»


Finanzielles Nullsummenspiel

Darüber denkt sie nach, noch ohne konkrete Pläne. Nach Paris wollte Marx eigentlich aufhören. Heute muss sie über diese Idee lachen. «Ich dachte, ich könne nicht ewig paddeln. Doch noch vor den Spielen wurde mir bewusst: Ich will nicht aufhören.» Ihre Trainingsgruppe trägt sie. «Ich bin immer mit meinen liebsten Menschen zusammen, es macht Spass, gemeinsam unterwegs zu sein.» Ihren Partner Gelindo Chiarello sieht sie oft, in Basel lebt das Paar zusammen, in den Trainingslagern und bei den Wettkämpfen sind sie 24/7 beieinander. «Das ist einerseits mega schön, weil der andere immer weiss, wovon man spricht. Es gibt viel Verständnis, wenn einer noch trainieren will und nicht gemeinsam Zeit verbringen.» Manchmal gebe es aber Reibereien. «Dann müssen wir bewusst getrennt etwas machen. Dann ist rasch wieder alles gut.»


Das Paar lebt bescheiden. Mit finanzieller Unterstützung der Sporthilfe und einer Teilzeit-Anstellung beim Militär kann sich Alena Marx, die Reisen zu Trainingslagern oder Wettkämpfen oft selbst bezahlen muss, ihre Karriere eigenständig finanzieren. «Es ist ein Nullsummenspiel», sagt sie. Auch deshalb richtet sie ihr Augenmerk auf die Karriere nach der Karriere. «Eine Altersvorsorge einzurichten, ist aktuell nicht möglich. Ich werde nach meiner Sportkarriere erst dafür arbeiten müssen.» Angst vor dem Leben danach habe sie nicht. «Ich sehe bei ehemaligen Kanuten, die aufgehört haben, dass sie heute glücklich sind. Vielleicht wird es nicht einfach. Aber es wird auf jeden Fall gut.»


Zuerst konzentriert sie sich auf die bevorstehenden Wettkämpfe mit dem grossen Ziel: Olympia 2028 in Los Angeles. Alena Marx will noch viele Wasserkanäle mit dem Kanu bezwingen. «Wenn ich spüre, es läuft gut, fühle ich mich frei und leicht. Dafür ist mir das alles wert.» Nadine Gerber war im Sommer 2024 als Sportchefin der Schweizer Illustrierten an den Olympischen Sommerspielen in Paris. Sie bekam damals den Tipp: «Schau auf Alena Marx, es könnte sein, dass sie eine Medaille holt.» Leider hat es damals nicht ganz gereicht, doch seither verfolgt die Sportjournalistin die Karriere der jungen Kanutin – und drückt ihr die Daumen, dass sie sich in LA in zwei Jahren ihren grossen Traum noch erfüllen kann.






 





 
 
 

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