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«Das ist doch völlig Banane» - Imke Wübbenhorst im Interview

  • vor 8 Stunden
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Imke Wübbenhorst
Imke Wübbenhorst

Imke Wübbenhorst hat in der vergangenen Saison die YB-Frauen zum Meistertitel geführt und einen Sohn geboren. Sie sagt, was in ihrem Leben zu kurz kommt, warum sie ein Frauenteam «Mannschaft» nennt – und weshalb sich der Frauenfussball nicht zu sehr dem Männerfussball angleichen sollte. Benjamin Steffen im Gespräch mit Imke Wübbenhorst


Vor kurzem waren Sie in Bern mit Sohn und Kinderwagen im Tram anzutreffen. Werden Sie in der Öffentlichkeit oft erkannt?


Mit dem Kleinen bin ich meist zu Fuss oder mit dem Lastenfahrrad unterwegs. Vor allem Kinder sagen oft: «Das ist doch die Trainerin», und dann wollen sie ein Bild machen. Mindestens einmal pro Stadtaufenthalt sagt mir jemand, sie sei beim Spiel gewesen – oder es sei mega cool, was wir auf die Beine gestellt haben bei den YB-Frauen.



Die Begegnungen sind durchwegs positiv?


Ja. Wobei: Kürzlich fuhr ich mit dem Velo über eine rote Fussgängerampel, und da rief mir jemand hinterher: «Nur weil du bei YB bist, glaubst du, du kannst jetzt alles.» Aber nein, glaube ich natürlich nicht.



Was hat sich für Sie in diesem Jahr verändert?


Alles erregte irgendwie Aufmerksamkeit, und alles multiplizierte sich gegenseitig. Unser Meistertitel, der Aufwand, den YB und die Stadt Bern als Host City der Frauen-EM betrieben, meine Auftritte als TV-Expertin beim SRF. 



Und die Mutterschaft? Gab es oft diese Feststellung: «Sie ist auch noch Mutter geworden»?


Das wissen schon auch alle: dass ich ein kleines Kind habe. Manchmal fragen mich die Leute: «Wo ist denn dein Kind? Du bist ja alleine unterwegs.» Auf Spielplätzen kam es schon vor, dass sich jemand mit meinem Sohn abgab – und ich dachte so: «Krass, der ist aber nett.» Und dann kam irgendwann die Frage: «Und wann übernimmst du die Männer?» Die Leute erkennen mich also auch ohne YB-Klamotten, und mit dem Kind im Schlepptau bin ich vermutlich noch bekannter. Und meinen Hund kennt auch schon jeder.



Wird es Ihnen nie zu viel? 


Die Schweizer sind ja eher zurückhaltend. Es ist sehr schön zu sehen, was sich getan hat, seit ich 2022 nach Bern kam. Am Anfang spielten wir im Quartierstadion des FC Wyler vor 50 Zuschauern – und jetzt gibt es eine derart grosse Aufmerksamkeit. Ich finde cool, wenn sich Leute trauen, mich anzusprechen.



Aber dieser stete Fokus, diese Präsenz – wie steht es um Ihre mentale Gesundheit?


Mental geht’s. Aber ich komme kaum mehr dazu, für mich selber Sport zu machen oder mich gesund zu ernähren. Das ärgert mich. Ich schiebe mir eine Tafel Schokolade rein und mache weiter. Abends bin ich derart müde, dass ich eine Stunde nach dem Kleinen ins Bett gehe, weil ich es fast nicht mehr schaffe, meine Augen aufzuhalten. Ich bekomme Kind und Arbeit gut hin, aber halt nicht viel anderes mehr. Doch das ist natürlich auch hausgemacht. Im Sommer arbeitete ich viel im Rahmen der EM. Im Herbst hatte ich hier einen TV-Auftritt und da einen Anlass. Ich merke, dass ich ein paar Sachen absagen muss, es geht nicht mehr alles.



Wie hat die Mutterschaft Sie persönlich verändert?


Ich habe einen völlig anderen Blick auf Kinder bekommen. Lange Zeit hatte ich keinen ausgeprägten Kinderwunsch. Ich war immer diejenige, die Hunde sah und dachte: «Oh, der süsse Hund» - und bei Kindern dachte ich: «Auch nett, dass sie da sind.» Und jetzt interessiere ich mich für die Entwicklungsstufen von Kleinkindern: Es ist ein neues Feld, das mich so sehr begeistert, wie ich es früher nie gedacht hätte. Darin besteht wohl die grösste Veränderung.



Und als Trainerin haben Sie sich nicht verändert?


Doch. Im Sommer war es so, dass viele Spielerinnen gingen und kamen. Diese Prozesse machen mir mittlerweile richtig viel Spass: zu erkennen, wo das Potenzial meiner Mannschaft liegt – wie komme ich da ran? Was braucht welche Spielerin, um aufzugehen? Was sind ihre Stärken? Mit wem muss sie auf dem Platz stehen, damit sie sich entfaltet?



Sind das nicht Alltagspflichten für eine Trainerin: zu sehen, wer was braucht?


Es ist gar nicht so leicht, genau zu wissen, wer deinem Spiel guttut und warum. Zwischen 2022 und 2025 mussten wir weniger verändern, weil wir fast die gleichen Spielerinnen hatten. Es ist sehr herausfordernd zu erkennen, welche Spielerin welche Räume sieht und welche nicht. Manchmal geht es um Kleinigkeiten, die von aussen gar nicht erkannt werden. Und klar, als Team behalten wir unsere Identität bei: Wir wollen weiterhin hoch anlaufen – aber wir machen es jetzt ganz anders. Und der Leistungsdruck spielt eine ganz andere Rolle als in den Jahren zuvor.



Wie meinen Sie das?


Ich meine den Druck, den sich die Spielerinnen selber machen – auch dank den weiblichen Vorbildern, die vor Augen führen, was alles möglich ist im Frauenfussball. Es sind andere Visionen, andere Ambitionen als früher, zugleich herrscht eine grössere Leistungsdichte. Daraus entsteht Druck.



Sagen Sie auch deshalb gerne, der Frauenfussball sollte sich nicht zu sehr dem Männerfussball angleichen?


Wenn die Mädels nur noch Fussball spielen, sind sie halt einfach weniger resilient. Sie gehen unter Umständen von einem schlechten Training zum nächsten – und dazwischen haben sie keine Ablenkung durch den Beruf, keine Leute, die sie auffangen oder sagen: «Hey, auch andere Dinge sind wichtig.» Sie werden nicht mehr herausgeholt aus einer Abwärtsspirale – das nächste schlechte Training folgt sogleich. Und dann sitzt du da und hast nicht noch eine zweite Taste, auf der du spielen kannst, oder eine dritte, weil du ein Umfeld hast und nebenbei studierst oder so.



Sie meinen: Menschen, die breiter aufgestellt sind, verspüren weniger Druck?


Genau. Ich glaube, das verkennen viele Menschen: um widerstandsfähig zu sein, brauchst du ein breiteres Potpourri. Damit wir die Freiheit haben zu sagen:  «Hey, ich finde einen Umgang damit, wenn ich es nicht bis nach ganz oben schaffe – weil ich auch anderswo gut bin.»



Und doch wird es Menschen geben, die Ihnen widersprechen und behaupten, wer nicht vollen Fokus auf den Fussball lege, setze sich ohnehin nicht durch.


So ein Quatsch. Erzählen Sie mir doch, was Vollprofi-Fussballer den ganzen Tag machen – das ist doch völlig Banane. Wenn du am Vormittag trainierst, machst du am Nachmittag vielleicht noch ein bisschen Oberkörper-Krafttraining, und vielleicht hast du noch eine Videoanalyse – aber du hast noch genug Zeit, um selbstwirksam zu sein, eine Sprache zu lernen, deine Kompetenzen zu erweitern. Das trägt alles dazu bei, dass du ein selbstsicherer Mensch wirst. Wer sich nur darüber definiert, Fussballprofi zu sein, läuft aus meiner Sicht Gefahr, von jeder grösseren Verletzung aus der Bahn geworfen zu werden.



Wie sieht für Sie denn der ideale Frauenfussball aus? 


So, dass die Mädels gute Trainingsmöglichkeiten haben. Dass ihnen ein Athletiktrainer und GPS-Daten zur Verfügung stehen. Dass sie finanziell vom Fussball theoretisch leben können. Solche Sachen. Alles muss professionell aufgegleist sein – neben einer beruflichen Tätigkeit oder einer Ausbildung, die den Geist weiter schult. Ich bin Spielerinnen begegnet, die tagsüber nichts machten und abends im Training gar nicht in der Lage waren, sich zu pushen. Sie waren stundenlang rumgehangen – und dann sollten Sie auf einmal aus ihrer Lethargie aufwachen und im Training 100 Prozent geben? Unmöglich. Eine Spielerin, die tagsüber an der Uni war, performte viel besser.



Gehen Sie den Spielerinnen eigentlich auf den Keks mit Ihren dezidierten Haltungen?


Ich sage einfach meine Meinung: was ihnen meines Erachtens guttun würde. Ja, ich bin sehr fordernd, weil ich immer ein gutes Passspiel sehen will, immer eine Auftaktbewegung, immer eine aggressive Zweikampfführung. Ich will, dass wir jedes Mal ein gutes Training haben. Diese Haltung verhalf uns im Frühling 2025 auch zum Meistertitel.



Inwiefern?


Wir waren extrem fit und bereit. So viel habe ich gelernt: Wenn die Spielerinnen nicht wollen, entwickeln sie sich nicht. Als Trainerin merkst du schnell, wer wirklich bereit ist, an sich zu arbeiten und besser zu werden. Es gibt Spielerinnen, die immer irgendwelche Entschuldigungen haben – und denen gehe ich irgendwann nicht mehr auf den Keks.



Weil sie nicht mehr in Ihrem Team sind?


Genau.



Was hat das Jahr 2025 in Ihren Augen mit dem hiesigen Frauenfussball gemacht?


Die Aufmerksamkeit, die akquiriert worden ist, hat vielen Mädchen gezeigt, dass es sich lohnt, Zeit und Trainingseinheiten in den Fussball zu investieren: weil sie eine Perspektive haben.



Aber wie gut sind die Perspektiven? Es waren vor allem einige wenige schillernde Wochen und Momente, die die Aufmerksamkeit brachten – die EM, mehr als 10 000 Fans an YB-Spielen. Und im Zentrum solcher Ereignisse zu stehen, ist naturgemäss nur wenigen vorbehalten.


Ich fragte mich damals auch, ob ich die Trainerausbildung überhaupt machen soll. Sie kostete 15 000 Euro, und ich war mir nicht sicher, ob ich das Geld irgendwann mal wieder reinkriege. Nun lebe ich seit etlichen Jahren als Profitrainerin und gehe meiner Berufung nach. Ich glaube, dass jetzt viel mehr Frauen Trainerinnen werden, weil sie sich diese Frage gar nicht stellen – sondern denken: Ich schaffe es nach oben und werde Profitrainerin. Auch wenn es natürlich nicht alle schaffen werden.



Und wie steht es um die Aussichten des Schweizer Frauenfussballs generell?


Es stehen goldene Jahre bevor. Abgesehen von den Talenten, die heute schon im Nationalteam spielen, gibt es weitere einzigartig gute Spielerinnen. Wenn ich über den YB-Tellerrand hinausschaue, denke ich etwa an die GC-Spielerinnen Emanuela Pfister und Giulia Looser.



Aber wie steht es um den Unterbau und die Professionalisierung?


Vermutlich bräuchte es strukturelle Änderungen. Vielleicht müsste die Liga aus dem Verband ausgegliedert werden, für mehr Autonomie und letztlich mehr Professionalität. Der Liga müsste es ermöglicht werden, sich selber zu vermarkten. Ich denke nur schon an die Qualität der TV-Bilder. Aber klar, es ist eine Frage von Ressourcen. Das Geld für bessere TV-Produktionen muss von irgendwo herkommen – und für dieses Geld braucht es einen Gegenwert. In dieser Hinsicht ist die Schweiz im Frauenfussball im Vergleich zu anderen Ländern noch nicht so weit.



Und doch verlängerten Sie den Vertrag mit YB bis 2028. Warum?


Weil es für mich nicht primär darum geht, in der vermeintlich stärksten Liga Trainerin zu sein.



Sondern?


Für mich ist wichtig zu wissen, dass meine Arbeit wertgeschätzt wird; und dass das Umfeld in der Lage ist, Entwicklungen einzuschätzen und nicht einfach nur Ergebnisse. Meine Erfahrungen als Trainerin haben mich gelehrt, dass sowas viel wertvoller ist als eine Anstellung in einer besseren Liga. Ich leide ja nicht an den Strukturen der Liga, sondern habe mit YB einen hervorragenden Arbeitgeber. Und ich mag es, mit den Mädels aus meiner Mannschaft auch über Politik und Wahlergebnisse zu reden, weil ihr Horizont über den Fussball hinausgeht.



Sie reden von den «Mädels» aus der «Mannschaft». Warum sagen Sie – wie auch andere Protagonistinnen des Frauenfussball – eigentlich vorwiegend Mannschaft und nicht vielleicht Team?


Weil ich in Deutschland sozialisiert worden bin und sich in meinem Sprachgebrauch das Gendern noch nicht manifestiert hat. Es ist keine bewusste Entscheidung. Für mich war immer klar: Eine Mannschaft ist ein Zusammenschluss und kann entweder aus Frauen oder aus Männern bestehen. Und weil unsere Sprache so lange so patriarchal entwickelt worden ist, dauert es jetzt auch seine Zeit, bis es sich verändert.



Möchten Sie denn nicht aktiver etwas dazu beitragen, dass es etwas schneller geht?


Wenn Sie mich darauf hinweisen, merke ich es wieder. Und dann denke ich: Ach ja, doof. In der Tat begegnete ich einmal einem Mädchen und redete von der «Mannschaft» - und das Mädchen sagte zu mir: «Aber da spielen doch Frauen.» Und dann war mir wieder klar, wie sehr die Sprache Bilder schafft im Kopf – und dass ich etwas beitragen möchte. Gleichzeitig finde ich, dass man das nicht übers Knie brechen und nicht auf Menschen zeigen sollte, die nicht gendern. Oft ist es vermutlich keine böse Absicht. Wissen Sie, was ich sage, wenn mich jemand fragt, was ich arbeite?



Was sagen Sie?


Ich sage komischerweise so gut wie nie Trainerin. Ich bin Trainer.



 



Benjamin Steffen besucht möglichst viele Spiele der Trainerin Imke Wübbenhorst, deren Gruppe er Team zu nennen versucht, ohne mit dem Finger auf andere zeigen. Er sah auch, wie YB Mitte November das Rückspiel (nach dem 3:0-Sieg auswärts) gegen Sparta Prag 0:4 verlor, aus dem Europa Cup ausschied – und Wübbenhorst nach der Partie voranging, damit sich jede Spielerin beim Publikum bedankte, die versammelte Equipe.




 





 
 
 

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