Up in the air!

Ski-Freestylerin Sarah Hoefflin ist Olympiasiegerin und zweifache Gesamtweltcupsiegerin. Ihre Geschichte ist aber auch eine von unerfüllten Wünschen, vom Hühnerfangen und vom gescheiterten Medizinstudium.


Céline Feller über Sarah Hoefflin



Der Schnee ist künstlich. Wie ein Teppich. Die Skis sind gemietet. Und das Outfit nicht eben schneesporttauglich. Auch nicht für in einer Halle irgendwo in der englischen Stadt Gloucester. Die Voraussetzungen könnten kaum unpassender sein. Und dennoch steht Sarah Hoefflin den Backflip. Bei ihrem ersten Versuch. «Ich habe mir einfach ein paar Youtube-Videos angeschaut und mich geweigert, es nicht zu schaffen. Und es hat geklappt.»


Es ist der zweite Trick auf zwei Brettern, den Sarah Hoefflin, zu diesem Zeitpunkt 20 Jahre alt, erlernt. Autodidaktisch – wie so oft in ihrem Leben. Der erste ist ein 360, «denn konnte ich, seit ich ein Kind war, einfach immer schon». Mit 20 packt sie ihn nach Jahren, in denen sie nicht mehr auf Skiern gestanden hat, wieder einmal aus. Auf einem Ski-Trip von ihrer Universität, jener in Cardiff. Dort studiert Sarah Hoefflin Neurowissenschaften. Der Ski-Trip, er soll «eine riesige Party werden». Hoefflin lässt sich anstecken von der Passion der Briten fürs Skifahren. Der wohl grössten, die sie je gespürt habe, wie sie sagt. Als ihr Kollege Alex sieht, wie sie einen 360 steht, ist für ihn klar: «Du musst am Uni-Wettkampf mitmachen!» Das Niveau sei überschaubar, sie würde sicher gewinnen.

Gewinnen! Etwas, was Hoefflin bis da noch nie geschafft hatte in ihrem Leben. Nicht im Ballett, im Geigespielen oder im Landhockey, früheren Hobbys von ihr. «Weil ich einfach in nichts gut genug war», meint sie – und ist damit sehr streng zu sich selber.


Astronautin, Hühnerfängerin – oder eben doch Ärztin

Es klingt wie aus einem anderen Leben. Denn neun Jahre später ist Sarah Hoefflin nicht nur professionelle Ski-Freestylerin, sondern die erste Freestylerin, die zwei Gesamtweltcups gewann. Und vor allem: Sie ist Olympiasiegerin. 2018 in Pyeongchang holte sie Gold im Slopestyle. Es war die Vollendung einer Geschichte, die im heutigen Leistungssport beinahe einzigartig ist. Es ist die Geschichte eines Phänomens. Einer jungen Frau, die scheinbar alles kann, ein Supertalent ist. Aber es ist gleichermassen eine Geschichte des Scheiterns. Oder wie sie sagt: einer Achterbahnfahrt.

Hoefflin wollte nie Sportlerin werden. «Wenn man mich als Kind gefragt hat, habe ich gesagt, dass ich Astronautin werden möchte.» Danach träumte sie davon, Hühnerfängerin zu werden, «weil mein älterer Bruder mir sagte, dass ich damit reich werden würde». Der wirklich grosse Traum aber war jener der Medizin. Fünf Jahre lang hat sie sich bei neun verschiedenen Medizinschulen beworben. Nie wurde sie genommen. «Das hat mich damals hart getroffen.» Aber die mittlerweile 29-Jährige sagt eben auch: «Ich bin heute glücklich, dass es mit der Medizin nicht geklappt hat.» Weil sie sonst nie Neurowissenschaften in Cardiff studiert hätte, nie auf diesen Skitrip gegangen und nie Freestylerin und damit Olympiasiegerin geworden wäre. «Ich hatte meinen Eltern nach der Uni gesagt, dass ich ein Jahr einfach Spass haben wolle, danach aber etwas Anständiges arbeiten würde», erzählt sie in ihrem perfekten Englisch. Also nahm sich Hoefflin, die Tochter eines Genfers und einer Neuseeländerin, nach der Uni eine Auszeit. Sie wollte ein Jahr dem nachgehen, was seit diesem lebensverändernden Moment, in dem sie den 360 gestanden hatte, zu ihrer grössten Passion geworden war: dem Skifahren.

Hoefflin hatte damals auf ihren Kollegen Alex gehört. Sie ging zum Wettkampf. Und gewann. Mit besagtem Backflip. Fortan ging sie immer öfters Ski fahren, in Indoor-Hallen in Manchester. Sie wurde immer besser. Um ein Jahr in einem Art Sabbatical in Frankreich leben zu können, jobbte sie nebenbei bei einem Busunternehmen. Von 3 Uhr morgens bis 10 Uhr abends begleitete sie Touristen vom Genfer Flughafen in nahe gelegene Genfer Skigebiete. Ein Jahr gab sie sich. Zurück in England, wohin die Genferin mit 12 und nach der Scheidung der Eltern ausgewandert war mit der Mutter, fühlte sie sich aber schnell falsch am Platz. Ein Job im Consulting? Nicht das Richtige für sie. Sie, die sich als verspielt und entdeckungsfreudig bezeichnet, als Outdoormenschen und «zuweilen vielleicht auch hyperaktiv». Sie lacht. Weil sie nur lachen kann.


Denn was Hoefflin damals tut, ist der Türöffner für ihre so grosse Karriere: die Rückkehr in die französischen Berge. Dort wird sie vom Schweizer Verband gescoutet, entdeckt, gefördert. Und reisst sich das Kreuzband. «Von dem Moment an lernte ich, vorsichtig zu sein. Mental zurückhaltend.» Sie bezeichnete sich nie als Profi. Nicht nach ihrem ersten Weltcupsieg, den wiederkehrenden Erfolgen. Nicht einmal, als sie im Februar 2018 als Olympionikin für die Schweiz ihre Tricks in den südkoreanischen Schnee zaubert. Echten Schnee, keinen Teppich. «Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich zu viele Ups und Downs erlebt, um dem Ganzen einen Namen geben zu können.» Der Olympiasieg aber, er war Up genug, um sich einzugestehen, dass sie nun das ist, was alle «Profi» nennen. Professionelle Ski-Freestylerin.


WM-Podestplatz als Ziel

Obschon sie auch heute noch immer sagt: «Was dich zum Profi macht, kann ich nicht genau sagen.» Der Olympiasieg aber hat ihr Denken ein bisschen verändert. Und ihr Leben gar sehr. «Ich war das nicht gewohnt, aber plötzlich wollten so viele Menschen etwas über meinen unkonventionellen Weg wissen.» Der Sieg habe ihr auch geholfen, Sicherheit zu bekommen. Jene zum Beispiel, noch einige Jahre mehr Ski fahren zu können. Etwas, was die Spätzünderin, die erst mit 24 Jahren auf der World Tour zu fahren begann, geniessen will. Aber auch Sicherheit, finanziell unabhängiger zu sein, leichter Sponsoren zu finden. «Seither kann ich definitiv gut leben. Ich habe kein riesiges Haus, aber das brauche ich auch nicht.» Dafür kennt sie die andere Seite zu gut, war oft pleite, jobbte nicht nur in Busunternehmen, sondern auch in Bars.


Eben genau weil sie dieser ungewöhnliche Weg geprägt hat, hält sie sich mit Plänen und Zielen zurück. Ein Podium bei der nächsten WM ist ein Traum, «weil mir da bislang noch nie ein Podestplatz gelungen ist». Aber viel grösser ist der Traum, dass dem Freestyle-Sport mehr Anerkennung zuteil wird, weil er noch immer oft in der Nische stattfindet. «Seit es 2014 erstmals olympisch war, wächst der Sport, aber es ist noch nicht genug.»


Damals 2014, als Sarah Hoefflin noch als Hobby-Skifahrerin ihre Kurven fuhr und Olympische Spiele etwas in ihrer Erinnerung waren, was sie zu Hause als Kinder jeweils nachgespielt hatten. Mehr nicht. Damals, als die jetzige Realität so surreal war. «Unser Sport ist noch sehr jung. Wir brauchen einfach noch etwas Zeit.» Dass es für die Entdeckung der grossen Leidenschaft manchmal länger geht, weiss Sarah Hoefflin ganz besonders gut.


Céline Feller ist eine von wenigen Frauen im Schweizer Fussballjournalismus. Sie weiss also, wie es ist, sich auf ungewöhnlichem Terrain zu behaupten. Die Kunststücke von Sarah Hoefflin möchte sie aus Sicherheitsgründen dennoch nicht imitieren.