«Wofür lebe ich?»

Das ist die Geschichte der 22-jährigen Skifahrerin Camille Rast. Die Walliserin gilt früh als Supertalent, wird mit 17 Jahren Junioren-Weltmeisterin, steht dank ihrer aussergewöhnlichen Technik vor einer glänzenden Karriere. Rast rast rastlos durch Leben und Laufbahn. Aber Camille wird krank, das Pfeiffersche Drüsenfieber löst 2017 eine schwere Depression aus. Erstmals erzählt Camille Rast, die in diesem Winter an den Olympischen Spielen in Peking teilnahm, in der Öffentlichkeit von ihrem komplizierten Weg zurück an die Weltspitze. Es geht um den Sinn des Lebens und um grosse Traurigkeit, um lange Verletzungspausen und darum, wie man das tiefe Tal der Depressionen überwinden kann.


Fabian Ruch über Camille Rast


Teil 1 in SPORTLERIN über eine faszinierende Sportlerin, die in ihrer immer noch jungen Karriere schon viele Rückschläge verarbeiten musste.



Den 18. Februar 2018 wird Camille Rast nie mehr vergessen.


Es ist der Tag, an dem die Skifahrerin ihr vorerst letztes Rennen fährt – und es ist der Tag, an dem ihr Leben, wie sie es gekannt hat, zusammenbricht. Nach dem Nachtslalom in Bad Wiessee fühlt sie sich – wie immer seit Monaten – schlecht. Sie ist müde, sie ist gereizt, sie ist traurig, sie ist fixfertig. Camille leidet, wie sich herausstellen wird, an einer schweren Depression, an einer tiefen Traurigkeit, sie ist, wie sie selber sagt, «innerlich tot».


Am 18. Februar 2018 stellt sich Camille Rast, 18 Jahre jung, in Bad Wiessee alleine im Hotelzimmer mal wieder die ganz grossen Sinnfragen: Warum lebe ich? Wofür lebe ich? Was soll ich auf dieser Welt eigentlich machen? Und: Braucht es mich überhaupt hier?


Vier Jahre später sagt sie: «Ich fühlte mich nutzlos. Ich hatte keine Energie. Es war ein schrecklicher Zustand, den ich nicht mehr aushielt.» Beim Gespräch in Grimentz im Februar 2022 spricht sie offen über ihre schwierigen Zeiten, über ihre Phase der Niedergeschlagenheit und darüber, wie sie aus dem tiefen Tal der Düsternis den Weg zurück ins Leben gefunden hat.


Camille Rast ist charmant, schlagfertig, gut gelaunt, sie redet schnell, ausführlich, prägnant, aber natürlich ist sie auch nachdenklich, wenn sie beschreibt, was sie alles durchgemacht hat. Sie spricht erstmals in der Öffentlichkeit über ihre schwierige Vergangenheit – und über ihren Weg vom umschwärmten Spitzentalent über die vergessene Athletin und erschöpfte Patientin zurück in die Weltspitze des Skisports.


Camille Rast ist immer noch erst 22 Jahre jung, als Sportlerinsteht sie vor einer strahlenden Zukunft. Ihren grössten Sieg aber hat sie längst errungen.


Das Bewegungsmädchen


Im Grunde genommen ist schon sehr früh im Leben von Camille klar, dass sie einmal eine der besten Skifahrerinnen der Schweiz werden könnte. Noch vor ihrem 2. Lebensjahr steht sie erstmals auf Skiern, ihr Bewegungsdrang als Mädchen ist ausgeprägt. Die Eltern sind sportbegeistert und aktiv, die Mutter als Leichtathletin und der Vater als erfolgreicher Motocrossfahrer mit mehreren Schweizer-Meister-Titeln. Camille wächst als Einzelkind im Walliser Dorf Vétroz behütet auf. Sie geht jahrelang ins Leichtathletik und ins Schwimmen, reitet gerne und oft, spielt auch bis zum 13. Lebensjahr im Klub Fussball, ist drei Jahre in einer Zirkusschule. Dort lernt sie auf dem Trampolin, an den Ringen oder am Trapez, wie man springt und landet, fliegt und stürzt, sie fördert Gleichgewicht und Koordination, Kraft und Balance, Geschick und Ausdauer.


Und Camille entdeckt früh ihre Leidenschaft fürs Biken. Ihre zweite grosse sportliche Liebe ist das Skifahren. Mit 6

bestreitet sie ihr erstes Rennen, sie ist bald kompetitiv und ehrgeizig und im Skiklub, zuerst in Vétroz, später in Nendaz. Meistens ist sie die jüngste Teilnehmerin an den Rennen, weil sie bei den deutlich älteren Jahrgängen mitfährt, was herausfordernd ist. «Es war immer jemand schneller als ich, weil ich einige Jahre jünger war», sagt Camille. «Aber das hat mich nur motiviert, noch besser und schneller zu werden.»


Camille Rast wird nicht nur besser und schneller, sie gilt auch bald schon als eines der grössten Talente – zuerst ihres

Klubs, später im Wallis, schliesslich in der Schweiz. Sie selber ist ein Mädchen, das sich nicht zu stark unter Druck setzt. Sie träumt nicht davon, Olympiasiegerin zu werden, sondern möchte einfach Limiten ausreizen. Ihre älteren Teamkolleginnen schlagen. Ins Juniorenkader aufgenommen werden. An Schweizer Meisterschaften teilnehmen. Im

Europacup fahren. Im Weltcup. Eine Top-20-Platzierung im Weltcup erreichen. An Olympischen Spielen dabei sein. Und natürlich: Titel gewinnen – im Skiklub und im Wallis, in der Schweiz und international.


Camille fliegt durch ihre Laufbahn. Die Spitzentechnikerin erreicht alle Limiten, weiter geht es, immer weiter, wie eine Checkliste hakt sie ihre Ziele ab. Leichtfüssig, problemlos, spielerisch. «Ich machte mir keine grossen Gedanken», sagt sie, «sondern wollte in erster Linie Spass haben und mich weiterentwickeln.» Dazu gehört, dass die Eltern darauf bestehen, dass sie die Schule abschliesst, obwohl sehr früh klar wird, dass Camille eine Zukunft als professionelle Skifahrerin vor sich hat. Mit 17 schon startet sie erstmals im Weltcup.


In Sion und später in der Sportschule Brig findet sie ideale Bedingungen vor, um Ausbildung und Sport zu kombinieren. Wichtig ist ihr, in der Heimat zu bleiben, bei den Eltern, bei den Freunden – und nicht ein Sportinternat zu besuchen. «Ich wollte so lange wie möglich eine normale, unbeschwerte Kindheit und Jugend erleben», sagt Camille. Pippi Langstrumpf wird sie als Kind gerufen, wegen ihrer zwei langen Zöpfe.


Das Supertalent


Camille Rast ist erst 14, 15 Jahre alt, als man sich in der Branche schon Wunderdinge zuraunt über dieses aussergewöhnlich begabte Mädchen aus dem Wallis. Ihre Kraftwerte und ihre Fitness sind bemerkenswert, was auch damit zusammenhängt, dass sie viele verschiedene Sportarten betreibt. Sie ist kein Kraftprotz, im Gegenteil, sie wirkt beinahe zierlich, ist aber körperlich parat wie wenige Sportlerinnen in ihrem Alter. 2016, mit knapp 17, steht sie schon im Kader von Swiss Ski, 2017 wird sie an der Junioren-WM in Are im Slalom Weltmeisterin.


Camille erfüllt die Erwartungen nicht nur, sie hält auch den Druck aus, der in einer langen, intensiven Saison mittlerweile auf ihr lastet. Sie pendelt 2016/17 zwischen Europacup und Weltcup, bestreitet die Junioren-WM und andere Meisterschaften, reist viel, trainiert und fährt, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. In Are gilt sie an der WM eigentlich als Favoritin im Riesenslalom, setzt sich aber überraschend im Slalom durch, der nicht mehr ganz so heimlichen Liebe der 17-Jährigen. Kurz darauf triumphiert sie auch in einem Europacupslalom und wird im Frühling 2017 als potenzielle Siegerin im Weltcup gehandelt. Irgendwann, wohl schon bald. Auf den Spuren von Vreni Schneider womöglich sogar. Wer weiss schon, was dieses authentische, rasante, aufgestellte Mädchen mit dem fantastischen Skigefühl erst erreichen kann, wenn sie 20 Jahre alt sein wird?


Aber die Hochglanzfassade erleidet feine Risse. Knieschmerzen im Dezember 2016, zehn Tage Pause im Januar

2017, Reisestress, ein Leben auf der Überholspur und nicht mehr nur am Limit, sondern teilweise darüber hinaus. Es

sind stressige Monate. «Ich war müde am Ende der Saison», sagt Camille Rast. «Aber ich musste Schulstoff nachholen,

eine geregelte Pause gab es für mich nicht.» Diese wäre für den Sommer vorgesehen gewesen, rund um ihren 18. Geburtstag im Juli.


2022 an den Olympischen Spielen: Nach vielen schwierigen Jahren startet Camille Rast in Peking für die Schweiz. (Keystone)



Im Juni fühlt sich Camille müde wie nie zuvor. Sie hat keine Energie, kämpft sich durch den Alltag, ohne Lust und mit

ungewohnt mieser Laune. Das Knie schmerzt, mal stärker und mal schwächer, mal das linke, mal das rechte. Das

Konditionstraining beginnt sie ein paar Wochen später, aber nach zwei Tagen schon hält der Körper die Belastungen nicht mehr aus, die Wade reisst, Camille geht an Krücken. Als sie wieder ohne Gehhilfe unterwegs ist, will sie den konditionellen Rückstand aufholen, überpowert wieder, nach zwei Tagen ist sie physisch am Ende, wie sie sagt. «Ich fühlte mich, als hätte ich eine schwere Grippe, war den ganzen Tag müde und hätte am liebsten nur noch geschlafen.» Sie hat Fieber. Kopf und Hals und Bauch und der ganze Körper schmerzen, Appetitlosigkeit plagt sie, sogar einen Schluck Milch trinken wird zur Qual.


Die Kranke


Camille Rast spürt im Juni 2017: Etwas stimmt nicht mehr mit ihrem Körper. Ein paar Abklärungen und ein Bluttest

später ist klar, was sie schon ahnte, weil sie von dieser Krankheit kurz zuvor bei einem Arztbesuch gehört hatte: Camille leidet am Pfeifferschen Drüsenfieber. Ihr Zustand ist heikel, die Milz ist geschwollen. Und die Sportlerin Camille Rast leidet, weil der Mensch Camille Rast leidet. «Für mich brach damals eine Welt zusammen», sagt die Sportlerin und der Mensch Camille Rast vier Jahre später. «Alle schönen Pläne waren im Eimer.»


Schule, Konditionstraining, Biken, Ferien, schliesslich der Angriff im Weltcup – das war die Agenda im weiteren Jahr,

nachdem 2017 so erfreulich begonnen hatte. Im Winter dann die Olympischen Winterspiele in Pyeongchang als

Höhepunkt der ersten vollen Saison im Weltcup. Und das mit 18 Jahren.


Stattdessen: Pfeiffersches Drüsenfieber. Die meist harmlos verlaufende Viruserkrankung ist weit verbreitet. Doch Camille erwischt das volle Programm, sie ist monatelang ausser Gefecht gesetzt. Müde ist sie, ständig, aber schlafen kann sie nicht, an Erholung oder sogar Fortschritte ist den ganzen Sommer lang nicht zu denken. Sie hat enorme Bauchschmerzen, möchte sich übergeben, tagein und tagaus, der Mix aus allerlei Symptomen ist unangenehm. «Niemals hätte ich gedacht, dass es einem so schlecht gehen kann», sagt sie. Auch Ende Sommer sind die Blutwerte alles andere als ideal, aber der Winter naht, und die Trainer mahnen, den eingehandelten Rückstand aufzuholen. So schnell es geht.


Doch der ambitionierte Konditionsplan wirft Camille Rast noch weiter zurück. Sie quält sich, das kann sie, und das will sie, weil doch alle so viele Hoffnungen in sie gesetzt haben. Sie tut es nicht für sich, aber für die Trainer und den Verband, die Sponsoren und Freunde, die Eltern und Bekannten, sie will niemanden enttäuschen. «Jede Einheit war eine unglaubliche Belastung», sagt sie. «Für den Körper. Aber auch für den Kopf. Ich war einfach nicht fit.» Die Kommunikation zwischen Ärzten und Betreuern ist nicht optimal. Und so wird Camille zerrieben zwischen unterschiedlichen Bedürfnissen und Ratschlägen. Die aufstrebende Skifahrerin weiss nicht, was richtig ist, und vor allem nicht, was falsch.


Die Depressive


Im September 2017 trainiert Camille Rast jeden Tag. Mehr schlecht als recht. Aber sie trainiert. Wie eine Maschine, wie ein fremdgesteuerter Roboter. Aufs Bike darf sie nicht mehr regelmässig, unter anderem wegen der Verletzungsgefahr so kurz vor der Skisaison, dabei hatten ihr die gelegentlichen Ausfahrten auf dem geliebten Velo geholfen, in der komplizierten Situation ein paar schöne Stunden zu erleben. Sie ist eine sehr talentierte Bikerin und fährt teilweise auch im Weltcup mit. Man sagt, sie wäre auch im Mountainbike eine internationale Topathletin, würde sie nur auf diesen Sport setzen.


Im Oktober, noch immer geht es ihr hundeelend, stehen die ersten Skitage in Zermatt auf dem Programm. Camille,

die stets ein Ausbund an Fröhlichkeit war, findet kaum genügend Kraft und keinerlei Freude, um am Morgen aus dem

Bett zu steigen. Die Trainer drängen sie trotzdem, an den Europacuprennen im November in Norwegen teilzunehmen, das sei ein gemütlicher Start in die Saison, fernab der grossen Bühne, sagen sie. Camille fährt im Riesenslalom in die Top 15, sie nennt das ein Wunder, für die Trainer ist es die Bestätigung, dass das Ausnahmetalent auch ohne nur halbwegs angemessene Vorbereitung bereit ist. Die Strapazen sind längst zu viel für die 18-Jährige, sie schläft immer noch schlecht, ist lustlos, fährt für die anderen, nicht für sich. Und am Abend wälzt sie Gedanken und realisiert: Da läuft etwas furchtbar schief.


Aber Camille Rast macht weiter. Sie kämpft. Und sie ist traurig, weint jeden Tag, denkt sogar daran, einen Sturz zu

fabrizieren, keinen schlimmen, aber einen kleinen Unfall und einen Abflug ins Netz am Streckenrand, damit sie nach

Hause kann, die Saison beenden. Es sind dunkle Gedanken, die sie mit niemandem teilt, weil sie sich schämt. Und weil sie die Ungeduld der Menschen um sie herum zu spüren glaubt, teilweise auch das Unverständnis, zumal die Blutwerte nun wieder okay sind, es also keine klaren Zeichen mehr gibt, dass mit ihrem Körper etwas nicht in Ordnung ist. Mit Camille Rasts Körper und viel mehr noch mit ihrer Psyche aber ist auch an Weihnachten 2017 vieles nicht in Ordnung. «Alle reden beim Pfeifferschen Drüsenfieber immer davon, dass es lange gehen könne, bis man körperlich wieder fit sei. Niemand aber redet von den mentalen Aspekten, von Depressionen, die einen befallen», sagt sie. Ihre Resultate im Dezember und im Januar sind nicht herausragend, aber sie sind so, dass die Teamkolleginnen und Trainer sie aufmuntern, weil sie dank ihres herausragenden Potenzials und Könnens immer wieder glänzende Läufe hinlegt. Längst spricht sie Anfang 2018 mit einer Mentaltrainerin auch über ihre psychischen Sorgen, lässt sich weiter untersuchen – und hofft auf miserable Blutwerte, damit sie endlich aussteigen kann aus dem Zirkus.


Doch das Blut ist wieder einwandfrei. Und Camille denkt: Die Werte können noch so toll sein – wenn es im Kopf nicht

stimmt, dann geht gar nichts. 2018 könnte ihr Jahr werden, es müsste ihr Jahr werden, aber Camille Rast will nur alleine sein. Ihr Leben ist ein einziges Müssen, wie sie sagt, es ist kein Dürfen. Europacup und Weltcup, Junioren-WM,

Olympische Spiele, Schweizer Meisterschaften – es sind entscheidende Zeiten. Rast rast rastlos durch die Wochen, brilliert teilweise, holt an der Junioren-WM beinahe eine Medaille, scheidet aber kurz vor dem Ziel aus. «Siehst du», hört sie, «du bist so gut, so schnell, so talentiert, das kommt schon wieder.» Siehst du, denkst sie, ich bin kaputt, am Ende, mag nicht mehr, was will ich eigentlich auf dieser Welt?


Die Patientin


Camille Rast hat keine Lebensfreude mehr. Sie überlegt, wie es für die anderen wäre, würde sie nicht mehr hier sein. Nach der Junioren-WM hastet sie nach Bad Wiessee, Europacup, Nachtslalom – und Totalkollaps.


Es ist der 18. Februar 2018, als wirklich, wirklich, wirklich nichts mehr geht. Und erstmals sagt ein Trainer, sie dürfe selber entscheiden, ob sie am nächsten Tag weiterreisen möchte ans nächste Rennen nach Frankreich oder nach Hause. Camille muss keine Sekunde überlegen. Sie bricht die Saison ab. Und fühlt sich noch viel schlechter und unverstandener als in den Monaten davor. Sie sei doch fast wieder Junioren- Weltmeisterin geworden, sagen die anderen. Und sie denkt: Na und – was bringt das?


Am 19. Februar 2018 ist Camille Rast zu Hause im Wallis. Und am 19. Februar 2018 beginnt sie mit intensiver psychologische Betreuung. Sie hat Angst vor ihren eigenen Gedanken, vor der Dunkelheit, vor der Einsamkeit. Sie hat keinen Spass, keine Lust, keine Ideen, sie ist total leer und ohne Perspektive, wie sie findet. Es sind die schlimmsten Wochen, weil der Skisport mit all seinen Facetten immer auch Abwechslung geboten hat. Nun hat sie erstmals, seit sie denken kann, keine festen Strukturen. Und ist doch erleichtert, frei, gelöst aus toxischen Strukturen, die ihre Seele zerfressen haben nach der Diagnose Pfeiffersches Drüsenfieber.


Einmal pro Woche geht Camille nach dem Abbruch der Saison in ein Spital nach Genf zur Therapie. In den Medien

steht unter den Kurzmeldungen geschrieben, das 18-jährige Grosstalent Camille Rast müsse die Saison vorzeitig abbrechen, weil ihr die Kraft fehle und sie an Phasen enormer Müdigkeit leide nach dem Pfeifferschen Drüsenfieber.

Das Business geht weiter, es hat keinen Platz für Sentimentalitäten. Camilles persönliches Drama allerdings hat noch lange kein Ende gefunden. An Sport ist nicht zu denken, an Schule auch nicht, nicht einmal Biken reizt sie. «Ich war down. Total down», sagt sie. Ihre Eltern bittet sie im Frühling 2018, alles zu verkaufen, was ihr einst so viel bedeutete. Alle Skier, alle Sportutensilien, alle Bikes sogar, einfach alles, was sie an ihr früheres Ich erinnert. «Für mich war klar: Das war es mit Ski», sagt Camille. Ihr Thema vor vier Jahren ist es, einen Platz im Leben zu finden. «Ich stellte mir weiter die ganz grossen Fragen, und ich wollte Antworten darauf, warum ich auf der Welt bin, was meine Aufgaben sind, wofür es mich braucht, wer mich braucht. Solche Sachen, das beschäftigte mich stark. Sport interessierte mich überhaupt nicht mehr.»


Die Zurückgezogene


Während sechs Monaten ist Camille Rast in Behandlung in Genf. Schrittchen für Schrittchen findet sie Antworten,

kleine vorerst, aber doch solche, die sie weiterbringen. Ohne Druck findet sie einen Weg zurück aus der Finsternis ins

Licht des Lebens. Sie trifft alte Kolleginnen und Kollegen, entdeckt Dinge im Leben, für die es vorher keinen Platz gab

in ihrem getakteten Alltag: einen Kaffee am Morgen; einen Spaziergang am Nachmittag; einen gemütlichen TV-Abend.

Soziale Kontakte allerdings beschränkt sie stark, sie verliert in dieser Zeit einige enge Bekannte, weil sie sich derart

zurückzieht.


Im Sommer 2018 geht Camille immerhin mit anderen Bikern nach Italien, sie findet in der grossen Schwere, die sie befallen hat, immer mehr Schlupflöcher für ein paar Leichtigkeiten, steht aber noch unter enormer Anspannung. Unter zu vielen Leuten fühlt sie sich beobachtet und unwohl, es gibt Momente, in denen sie einfach nur Lust hat, alleine zu sein und zu weinen. Dann kommt es vor, dass sie andere Menschen kommentarlos verlässt. Und die heftigen Gedanken sind zurück: Wohin mit mir? Warum? Und wer bin ich überhaupt? So ziehen die Wochen ins Land, Camille erlebt sie wie unter einem Schleier. Zuerst will sie keine Medikamente nehmen, weil sie gelesen hat, dass andere depressive Menschen davon süchtig geworden sind. Ein Leben lang. «Ich war doch erst 18 und dann 19 Jahre alt und hatte theoretisch alles noch vor mir», sagt sie beim langen Gespräch in Grimentz. Sie lächelt fein, sie spricht sowieso mit bemerkenswerter Sicherheit über diese schier endlosen Zeiten, die doch noch gar nicht so lange her sind. Wie aus der Distanz. Und doch hautnah. Fesselnd, intensiv, als sei man selber dabei gewesen. Später,

beim Lesen des Textes, fällt ihr auf, wie intim und persönlich gewisse Stellen sind, deshalb findet sie es passender, sie im Text beim Vornamen zu nennen – Camille statt Rast.


Medikamente nimmt Camille irgendwann schliesslich doch, der Schlaf zumindest wird geregelter, ein bisschen

jedenfalls. Oft aber ist sie in ihrem Empfinden immer noch die Unverstandene, so sieht sie das, so spürt sie es. «Die anderen dachten doch, dass ich total spinne. Im Skisport standen mir alle Türen offen, und ich lag zu Hause und hatte

Depressionen.»


Im Gespräch mit SPORTLERIN: Camille Rast im Februar 2022. (Sébastien Anex)



Aber es gab die Eltern, die Bike-Kollegen, ein paar gute Freunde, die sie immer unterstützten. Und Swiss Ski

kämpfte um das Supertalent Camille Rast – und um den Menschen Camille Rast. Heute sagt sie, ihre lange Zeit

stark depressive Phase habe rund ein Jahr gedauert, von September 2017 bis September 2018. Danach sei ihr Zustand

weiter lange Zeit fragil gewesen, immer wieder hätten sie auch später Zweifel geplagt und Ängste vor einem Rückfall.

«Ich musste und wollte das alles verarbeiten. Und es war mir sehr wichtig, dass ich alleine und ohne Druck oder

Erwartungen von aussen herausfinde, was gut und richtig für mich ist.»


Die Bikerin


Zum Beispiel und vor allem: das Biken. Im Juli 2018 geht Camille Rast drei Wochen alleine weg, 5000 Kilometer mit

dem Auto. Sie fährt nach Andorra und besucht Bike-Weltcuprennen, steigt selber täglich in den Sattel, ist in der Natur, trifft Kolleginnen und Kollegen, reist weiter nach Österreich: Bike-Parks, Natur, Trails, Downhillstrecken.

Als sie zurück im Wallis ist, es ist immer noch Spätsommer, spürt Camille endlich wieder auch zu Hause ein wenig von jener Lebenslust, die sie so lange vermisst hat. Sie freut sich auf Biketouren, verabredet sich wieder mehr, absolviert die letzten Sessions ihrer Therapie in Genf. Sie spürt: Der Horror nimmt langsam ein Ende. «Ich sah endlich ein Licht am Ende des Tunnels», sagt sie. «Und ich war endlich wieder einmal stolz auf mich.»

Aber um die Ecke wartet im September 2018 schon der nächste Skiwinter. Und Camille Rast weiss nicht, welche Abzweigung sie nehmen soll.


Im zweiten Teil in Ausgabe No. 7 von SPORTLERIN im Sommer:


So geht es für Camille Rast nach ihrer Depression weiter. Warum sie nach ihrem erfolgreichen Comeback fast eineinhalb Jahre lang kein Rennen mehr bestreiten kann – und trotz schweren Verletzungen den Weg zurück an die Weltspitze und an die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking findet. Und was die 22-Jährige heute sagt über Depressionen und Druck, Ziele und Träume.